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Kann der Peer Kanzler?: Bunte 18|2013 – Interview mit Ulla Schmidt, MdB

29 April 2013

Kassenvertreter der AOK hatten Ulla Schmidt einst im Scherz eine schwarze Lederpeitsche geschenkt – als liebevolle Anspielung auf die dominante Politik der Aachenerin. Beinahe täglich stand Ulla Schmidt, Spitzname „Mutter der Gesundheitsreform“, damals wegen ihrer Arbeit am Pranger.

„Stimmt. Ich habe permanent eins drübergekriegt“, sagt sie lachend zu BUNTE. Im Gegensatz zu Nach-Nachfolger Daniel Bahr (FDP). „Das hat er uns zu verdanken. Unsere umstrittenen Reformen haben dazu geführt, dass das Gesundheitswesen auf einer soliden finanziellen Basis steht. Als Ministerin hätte ich mir mal ein Jahr lang so volle Kassen gewünscht, wie es heute der Fall ist.“

Ulla Schmidt, die im Herbst noch mal für den Bundestag kandidiert, ist Polit-Profi und eine der einflussreichsten Frauen in der SPD. Für BUNTE liegt es auf der Hand, sich mit ihr über den SPD-Kanzler- kandidaten Peer Steinbrück, 66, zu unterhalten. Sie kennen sich seit über 30 Jahren. „Ich möchte, dass Steinbrück Kanzler wird“, sagt Schmidt zu BUNTE. „Ich werde jedenfalls alles dafür tun, was ich tun kann.“

Warum wäre Peer Steinbrück ein besserer Kanzler als Angela Merkel?

Er übernimmt Verantwortung. Nicht nur auf europäischer Ebene, sondern auch für die Herausforderungen auf nationaler Ebene. Ein Mann, der sich für die Gleichstellung der Frau einsetzt, für die Quote und Lohngleichheit. Er hat mehr frauenpolitisches Profil und Programm als die Kanzlerin. Erst vor wenigen Tagen hat sie eine Frauenquote für Aufsichtsräte mit verhindert. Ich denke, dass Frau Merkel mitverantwortlich ist für die soziale Spaltung in der Gesellschaft. Steinbrück wird sich dafür einsetzen, diese Probleme im Sinne der Frauen zu lösen.

Bei den Wählerinnen kommt er aber bislang schlecht an. Muss er weicher werden in seinem oft ruppig wirkenden Auftreten?


Ich finde nicht, dass er wie ein Pudding rumlaufen muss. Er ist offen und zugänglich – aber auch norddeutsch. Die sind eben etwas spröder als andere. Aber nur in der Außenwirkung. Wer ihm persönlich begegnet, ist stets begeistert. Auch Frauen. Er hat viele weibliche Fans.

Hat er Charme?

Ja, den hat er.

Humor?

Einen wirklich hohen, intellektuellen Humor. Man kann gut mit ihm lachen. Man kann ihm auch Karikaturen oder Witzchen per SMS aufs Handy schicken. Man bekommt von ihm sofort eine Antwort. Das ist in der Politik auch nicht selbstverständlich.

Ist er authentisch?

Wenn einer authentisch ist, dann er. Er ist ganz nah bei sich. Er ist kein Mensch, der sich nur aus Machtkalkül verstellen oder Dinge erzählen würde, zu denen er nach der Wahl nicht steht.

Finden Sie ihn attraktiv?

Attraktivität ist subjektiv. Ich finde, er ist ein netter Mann, gebildet, mit sehr guten Manieren. Ein kluger Mensch mit der brillanten Fähigkeit, Dinge schnell zu erfassen und darüber zu reden. Man muss bei ihm eher aufpassen, dass man die Chance hat, bei seinen schnellen Gedankengängen mitzukommen. Vor allem aber ist er ein durch und durch sozialdemokratisch und sozial eingestellter Mensch. So habe ich ihn kennen- und schätzen gelernt. Es ist nicht entscheidend, wie jemand aussieht, sondern wie er als Kanzler agiert. Ich halte Peer Steinbrück für den geeigneten Kanzler, weil er den Finger in die
Wunde unserer Gesellschaft legt und Lösungsmöglichkeiten aufzeigt.

Hört Steinbrück auf den Rat von Frauen? Von Ihnen?

Er ist offen für Kritik und Ratschläge – und lernfähig. Er hat eine eigenständige, kluge Frau und drei selbstbewusste Kinder. Das allein zeigt schon, dass er nicht so ist, wie er beschrieben wird. Sonst würde er es nicht ertragen, so starke Persönlichkeiten in seiner Familie zu haben. Das funktioniert nur, wenn eine Beziehung von gegenseitigem Respekt getragen wird und jeder seinen Freiraum hat, um sich zu entfalten. Er behandelt Frauen, überhaupt andere Menschen, stets auf Augenhöhe.

Lässt’s sich mit ihm streiten?

Das hatte ich auch schon, aber er ist jemand, der nach einiger Zeit kommt und sagt: „Tut mir leid, du hattest recht.“ Er kann Fehler zugeben. Das unterscheidet ihn von so manch anderen. Er reflektiert Dinge. Das macht ihn vertrauenswürdig.

Würden Sie ihm einen Gebrauchtwagen abkaufen?

Auf jeden Fall! Da wüsste ich, dass er mich nicht betrügt, dass nirgendwo eine Delle ist, die er mir verschweigt.

Hätten Sie so viel Vertrauen, ihn zu bitten, einen Nachmittag auf Ihre Enkelin aufzupassen?

Mit Sicherheit. Weil ich wüsste, er würde mit dem Kind bestimmt ganz tolle Sachen machen. Er gehört nämlich zu den guten Vätern, die viel mit ihren Kindern unternommen haben. Viel Bildung und Kultur.

Haben Sie Mitleid mit ihm, wenn er wieder mal wegen einer unbedachten Äußerung kritisiert wird?

Nein. Es geht nicht um Mitleid, sondern da ist vieles unfair. Ich kann gut nachvollziehen, wie man sich fühlt, wenn man so durch den Kakao gezogen und herumgehetzt wird. Wer sollte das besser wissen als ich? Das Schlimmste ist, wie manches die Ehre und Würde verletzt. Es geht mir nicht um Inhalte. Kritik ist immer wichtig. Es geht mir um die persönlich verletzende Art einiger Auseinandersetzungen. Die Gesellschaft sollte sich irgendwann einmal entscheiden, was sie will. Ständig wird gefordert, Politiker sollen Klartext reden. Aber wenn sie es dann tun, dürfen sie es nicht.

79 Prozent der Deutschen sind der -Meinung, dass Steinbrück kein Kanzler wird …

… dann gehöre ich zu den verbleibenden 21 Prozent. Wir haben noch fünf Monate. Der Wahlkampf beginnt erst.

Glauben Sie, die schlechten Umfragewerte verletzen Herrn Steinbrück?

Er nimmt sie sicher zur Kenntnis. Er ist ja kein Roboter. Ob sie ihn verletzen, kann ich nicht sagen. Aber man setzt sich damit auseinander und überlegt, woran das liegen kann. Umfragen sind Momentaufnahmen, da kann sich noch vieles ändern bis Mitte September.

Was entgegnen Sie den CDU-Anhängern, die sagen, Steinbrück solle ruhig so weitermachen, dann müsse sich die Kanzlerin keine Sorgen machen?

Ich bin mir sicher, dass Frau Merkel sehr wohl weiß, dass die Wahl für sie noch lange nicht gewonnen ist.


Interview: Tanja May, Bunte 18|2013

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